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Mitgefühl mit Tieren.

Artikel

 
 

Tierethik im Buddhismus

eine Analyse zu Colin Goldners Artikel

"Tierrechte und Esoterik"

 

   
  Eingestellt am: 07.05.2009
Ivo Windrich. Tierethik im Buddhismus.
 
       
 

 

Im ersten Abschnitt möchte ich den Artikel von Colin Goldner, erschienen in Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, analysieren und auf Wahrheitsgehalt prüfen. Ich werde zeigen, dass Goldner die von ihm zitierten Aussagen aus dem Zusammenhang reißt, um auf diese Weise ein falsches Bild des Buddhismus und des Dalai Lama zu zeichnen.
Im zweiten Teil untersuche ich die buddhistische Ethik hinsichtlich ihrer Einbeziehung von nichtmenschlichen Tieren und gehe dabei analog zu Goldner vor.

Zuerst untersuche ich die allgemeinen Prinzipien jeder buddhistischen Strömung, gehe dann über zur speziellen Form des tibetischen Buddhismus um schließlich die persönliche Ethik-Auffassung des Dalai Lama darzustellen.

Im Gegensatz zu Goldner orientiere ich mich nicht an Handlungen, sondern analysiere die zu Grunde liegende Theorie.

 

 

1. Analyse des Beitrags "Tierrechte und Esoterik: Buddhismus"

 

Beim Lesen des Abschnitts "Buddhismus“ im Beitrag von Colin Goldner hatte ich eher das Gefühl es handele sich um eine politische Hetzschrift, als um eine Analyse der Einstellung des Buddhismus gegenüber nichtmenschlichen Tieren.

Zum Großteil besteht der Beitrag aus einer Analyse der politischen Situation in Tibet vor dem Einmarsch der chinesischen Armee und Diffamierungen des Dalai Lama, der ja von Vielen eher als Politiker denn als religiöses Oberhaupt gesehen wird.
Goldner hat in seinem Beitrag die Absicht, den Irrtum aufzuklären, dass Buddhismus vorbildlich im Umgang mit Tieren ist. Seine erste Aussage zum Thema greift die Lehrreden Buddhas, welche die
Wurzel jeder buddhistischen Strömung sind, an:
"Schon [die] Behauptung, Buddha selbst habe das Unterlassen jeder Gewalttätigkeit gegenüber allen Wesen verlangt, ist nicht haltbar." (1)


Als Begründung dafür, dass Buddha die Gewaltlosigkeit nicht verlangt hat, zweifelt er die Existenz des historischen Buddha an. Dies ist keine gehaltvolle Argumentation. In den überlieferten Reden des Religionsstifters wird Gewaltlosigkeit gefordert, Goldner hätte eine Textstelle angeben müssen, in denen Buddha Gewalt erlaubt.

 

Woher er die Idee hat, dass Buddha nicht existiert haben soll, bleibt unklar, da er leider keine Quelle angibt. Meine Quelle, Das ewige Rad von Manfred Hutter, sagt zur Existenz des historischen Buddha, dass die Datierung seines Lebens zwar nicht ganz eindeutig ist, aber seine Existenz an sich zu bezweifeln ist ohne fundierte Fakten völlig absurd. Aus Quellen der singhalesischen Geschichtsschreibung, der Jainismus-Forschung, eines archäologischen Befundes und
früher griechischer Nachrichten kommt Hutter zu dem Ergebnis: "am plausibelsten erscheint bei der derzeitigen Forschungslage ein Zeitansatz, der für das Auftreten des historischen Buddha mit dem
Zeitraum von ca. 448 bis 368 v. Chr. rechnet, eventuell mit einem Spielraum von etwa zehn Jahren."(2) Ob Buddha existiert hat, ist im Grunde aber auch nicht relevant, da wir die Frage
untersuchen müssen, ob die Buddhistische Lehre "das Unterlassen jeder Gewalttätigkeit" fordert.
Hierfür müssen wir den Pali-Kanon - die überlieferten Lehrdarstellungen Buddhas - hinsichtlich Tierethik untersuchen, was ich im zweiten Teil nachholen möchte.


Vom Buddhismus geht Goldner nach dieser substanzlosen Aussage thematisch zum tibetischen Buddhismus über, widmet sich hierbei aber für diesen Zusammenhang völlig belanglosen und leicht bestreitbaren politischen Aussagen.

Ich halte es für illegitim, die Themen Tierrechte und buddhistische Ethik mit politischem Dogmatismus zu vermengen und lasse mich auf eine solche Diskussion nicht ein.

 

Zum Thema Tierethik kommt Goldner erst zurück, als er das Verhalten des Dalai Lama auf Tierfreundlichkeit untersucht, indem er Seine Heiligkeit zitiert: "Ich meine, dass wir Menschen von Natur aus Vegetarier sind und alle nur denkbaren Anstrengungen unternehmen sollten, anderen Lebewesen keinen Schaden zuzufügen."(3) Diese rein positive Aussage im Sinne der Tierethik führt dazu, dass sich viele Menschen darüber Gedanken machen, wie viel Leid sie mit ihren Essgewohnheiten verursachen.

Statt dies zu loben, rückt Goldner diese Aussage mit dem Ausdruck "wiederholt er gebetsmühlenartig" in ein schlechtes Licht, was absolut überflüssig und im Sinne der Verbreitung einer Tierethik kontraproduktiv ist.

Goldner relativiert die Aussage des Dalai Lama indem er meint: "Tatsache ist: Der Tibetische Buddhismus kennt ebenso wenig wie die anderen Varianten der Buddhistischen Lehre eine Verpflichtung zu vegetarischer oder veganer Lebensweise."(1)


Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist, den Menschen jegliches Verhalten vorzuschreiben, statt auf Aufklärung zu setzen – wie es der Dalai Lama macht. Goldner erwähnt nicht, dass "die Tibeter in
der Regel keine Vegetarier [sind], da es in Tibet häufig kein Gemüse gibt und Fleisch folglich eine wichtige Nahrungsquelle bildet."(4) Es ist sicher inkonsequent zu sagen, mensch sollte anderen Wesen keinen Schaden zufügen, aber gleichzeitig nicht mal vegetarisch zu leben. Aber es ist kein Beweis für eine negative Gesinnung Tieren gegenüber, da mensch auf diese Weise auch Vegetariern nachweisen könnte, dass sie keine tierfreundliche Einstellung haben, da sie noch Käse essen und so die Qualen der Tiere in der Milchindustrie dulden.

Dies könnte entsprechend ad absurdum geführt werden, indem mensch sagt, auch Veganer haben keine tierfreundliche Einstellung, solange sie noch Pflanzen essen, für welche der Boden umgegraben und somit unzählige Kleinstlebewesen getötet wurden. Warum der Buddhismus keine Verpflichtung zu vegetarischer Lebensweise kennt, möchte ich im zweiten Teil untersuchen.
Mönche und Nonnen in Tibet essen Fleisch, die dafür notwendigen Tiere lassen sie, wie Goldner schreibt, "von moralisch tiefstehenden Andersgläubigen" schlachten, "die dafür Jahrtausende in der Hölle zu schmoren haben."(1) Hier werden gesellschaftliche Zusammenhänge so dargestellt, als wären Buddhisten elitär oder gar feindselig anderen Religionen gegenüber eingestellt. Dabei ist die Ursache für diesen Zusammenhang in der tierfreundlichen Ethik des Buddhismus zu finden. Dort resultieren nämlich aus dem "rechten Lebenswandel" (das fünfte Glied des achtgliedrigen Pfades) "einige unvereinbare Berufe wie Schlächter, Jäger, Fischer, Henker oder Kerkermeister."(5) Folglich hat es sich historisch so entwickelt, dass solche Berufe von Andersgläubigen ausgeübt werden.

Diesen Zusammenhang mit einer solchen suggestiven Formulierung darzustellen ist keine kritische Berichterstattung.
Der Dalai Lama gab seinen Vegetarismus wieder auf, dies geschah laut Goldner "angeblich" auf Anraten seiner Ärzte. Wieso stellt hier Goldner den ärztlichen Rat in Frage? Da ich dieselbe Quelle verwendet habe, muss Goldner auch gelesen haben, dass der Dalai Lama an schwerer Gelbsucht gelitten hat und seinen Vegetarismus gegen seinen Willen auf Anraten seiner und einer Reihe von indischen Ärzten wieder aufgegeben hat. (6) Warum verschweigt Goldner diese Zusammenhänge
absichtlich? Dass diese Ärzte Ende der 60er Jahre nicht unseren ernährungswissenschaftlichen Kenntnisstand hatten, kann mensch ihnen wohl kaum zum Vorwurf machen.


Nach irrelevanten Ausführungen über PeTA zitiert Goldner Seine Heiligkeit wie er mit einem Luftgewehr auf Vögel schießt um diesen Schmerzen zu zufügen. Diese Aussage ist richtig und stellt damit einen ernstzunehmenden Kritikpunkt am Verhalten Seiner Heiligkeit dar. Aber auch hier verzerrt Goldner die Wahrheit, indem er schreibt, dass dies aus "nicht nachvollziehbarem Grunde" (1) geschieht. Der Dalai Lama schießt auf die größeren Vögel, damit diese den kleineren Vögeln nicht zu
nahe kommen und diese erschrecken. (7)

Die Motivation Seiner Heiligkeit liegt also darin, die kleinen Vögel zu beschützen. Dennoch zeigt uns dieses Verhalten, dass auch ein Dalai Lama nur ein gewöhnlicher Mensch mit einer mehr oder minder speziesistischen Weltanschauung und entsprechenden Fehlern ist.

Nach weiteren Ausführungen über PeTA kritisiert Goldner die Aussage Seiner Heiligkeit, mensch solle besser große Tiere essen, wenn mensch denn Fleisch essen muss. Die Intention hinter dieser Aussage, ist die, das verursachte Leiden zu vermindern. Die Logik entspricht der Aussage mensch solle wenigstens Vegetarier sein, wenn mensch schon kein Veganer sein kann. Wiederum wird hier eine Aussage aus dem Zusammenhang gerissen und verzerrt: Der Dalai Lama untersucht hier die Logik eines Standpunktes der Tochter eines indischen Freundes und empfiehlt zudem, das "Bedürfnis nach Fleisch mit der Zeit gänzlich abzubauen." (8)
Fazit: Goldners einziges tragfähiges Argument gegen die tierfreundliche Einstellung des Buddhismus ist die Tatsache, dass es kein striktes Verbot für das Essen von Fleisch gibt - diese Einstellung stammt aber aus einer Zeit lange vor der industriellen Massenvernichtung von Tieren und wurde nur bisher nicht modernisiert. Sicherlich könnte mensch den Dalai Lama dahingehend kritisieren, dass er es nicht ernst genug damit nimmt, nichtmenschliche Tiere zu schützen, aber was Goldner hier macht ist Hetze, da er Aussagen aus ihrem Zusammenhang reißt um ein negatives Bild zu erzeugen. (9)

Damit hat er in seinem Beitrag das Thema Tierrechte missbraucht um eine belanglose Parteimeinung zu publizieren. Abschließend ein Zitat aus einem Leserbrief der "Tierbefreiung", da Goldners Artikel dort in abgewandelter Form erschienen ist:

"Hetzerei jeglicher Natur, egal gegen wen, ist für mich in dieser Form indiskutabel, weil es sich nicht auf 100 Prozent belegte Fakten und auf eine Person beschränkt, sondern gleich eine ganze Glaubensrichtung und deren Anhänger verunglimpft. Eine solche Berichterstattung ist nicht positiv im Sinne der Verbreitung des Tierrechts-Gedankens". (10)

 


2. Tierethik in der buddhistischen Lehre


"Abstehend von Gewalt bei allen Lebewesen,
Nicht eines von ihnen irgendwie verletzend,
Nicht Sohn sich wünschend, noch Gefährten,
Allein mag wandern man, dem Nashorn gleich.
"
(Sutta-Nipata, Khuddaka Nikaya, I.3. Das Nashorn, 35)

 

Will mensch die Frage nach der buddhistischen Ethik gegenüber Tieren untersuchen, sollte mensch sich nicht auf das Verhalten einzelner Anhänger oder Vertreter des Buddhismus fixieren, denn diese können die Lehre nur subjektiv interpretieren und damit muss ihr Verhalten nicht immer automatisch der gelehrten Ethik entsprechen. Stattdessen sollte mensch in den Lehrtexten selbst eine Beantwortung dieser Frage suchen und was diese den Praktizierenden vermitteln möchten.

 


Tierethik in der ursprünglichen Lehre


Das oberste Gebot, welches sich in allen buddhistischen Strömungen wiederfinden lässt, ist das Prinzip des Ahimsa (Gewaltverzicht).

Dieses lässt sich unter anderem aus dem "edlen achtgliedrigen Weg" ableiten, welcher die Basis jedes buddhistischen Erleuchtungsstrebens darstellt.(11)

Die wichtige Stellung dieses Prinzips erkennt mensch zum Beispiel daran, dass das Erste der zehn Gebote (dasashila) für buddhistische Mönche und Nonnen "das Gebot der Enthaltung von dem Töten lebender Wesen" ist. (12)
In der ursprünglichen Lehre von Buddha, welche heute im Theravada ("Schule der Alten") überliefert ist, steht Gewalt dem eigenen Befreiungs- und Erleuchtungsstreben entgegen, weswegen Gewaltlosigkeit notwendig wird um eine bessere Wiedergeburt oder gar Befreiung vom Leiden zu erlangen. Das Wohl der anderen Wesen spielt zwar eine Rolle, steht aber nicht so sehr im Zentrum der Ethik wie in späteren Formen der buddhistischen Lehre.
Um zu klären, wie diese grundlegende buddhistische Ethik im Bezug auf nichtmenschliche Tiere auszulegen ist, müssen wir also die zu Grunde liegenden Lehrtexte des Theravada-Buddhismus konsultieren, das heißt den Sutta Pitaka ("Korb der Lehrsätze") im Pali-Kanon. Auch wenn Mahayana und Tantrayana wesentlich auf eigenen Schriften beruhen, "greifen alle buddhistischen Richtungen immer wieder auf den Pali-Kanon zurück". (13)
Es ist sicherlich klar, dass ich an dieser Stelle keine umfassende Analyse aller buddhistischen Lehrtexte zum Thema bieten kann, dennoch lassen zwei ausgewählte Textstellen schnell erkennen, dass Gewaltlosigkeit gegenüber nichtmenschlichen Tieren in der buddhistischen Ethik einen hohen Stellenwert hat.


Im "Anguttara Nikaya, 2. Kapitel, A.VI. 18 Der Tier- und Menschenmörder" wird erklärt, dass einem Menschen, welcher "den zum Töten bestimmten, des Tötens wegen zu fangenden Tieren in böser Gesinnung auflauert," dieses Verhalten mit der zu Grunde liegenden falschen Geisteshaltung "lange Zeit zum Unheil und Leiden" gereicht. (14)

Das Töten von Tieren wird damit als Unrecht erklärt und es wird verdeutlicht, dass eine gewaltbereite Gesinnung Tieren gegenüber eigenes Leiden verursacht. Welche positive Auswirkung die bisher aufgezeigte Ethik auf das Mensch-Tier-Verhältnis hat, kann mensch daran erkennen, dass Buddha seinen Jüngern nicht erlaubt hat zur Regenzeit zu wandern, da zu dieser Zeit junges Pflanzen- und Tierleben erwachte und mensch mit jedem Schritt das Gebot des Nichtverletzens missachten würde. (15)

 


Wenn das Töten von nichtmenschlichen Tieren nach der buddhistischen Ethik nicht erlaubt ist, wie verhält es sich dann mit dem Töten-Lassen, also Fleisch von dafür getöteten Tieren verlangen? Viele Buddhisten essen Fleisch, das ist unumstritten, aber die Lehre sagt deutlich,

dass Buddhisten keinen Tiermord verlangen sollen ("Majjhima Nikaya, 55. (VI,5)"):


"Wer da, Jivako, um des Vollendeten oder Vollendeten Jüngers willen das Leben raubt, der erwirbt zu fünf Malen schwere Schuld.
Weil er da so befiehlt: 'Geh hin und bringt jenes Tier dort herbei!', darum erwirbt er zum erstenmal schwere Schuld. Weil dann das Tier, zitternd und zagend herbeigeführt, Schmerz und Qual empfindet, darum erwirbt er zum zweitenmal schwere Schuld. Weil er dann spricht:
'Geh hin und tötet dieses Tier!', darum erwirbt er zum drittenmal schwere Schuld, weil dann das Tier im Tode Schmerz und Qual empfindet, darum erwirbt er zum viertenmal schwere
Schuld. Weil er dann den Vollendeten oder des Vollendeten Jünger ungebührend laben läßt, darum erwirbt er zum fünftenmal schwere Schuld.
" (16)


Die grundlegende Lehre Buddhas zeigt damit ein tiefes Einfühlungsvermögen des Vollendeten mit leidenden Tieren und es wird weiterhin gefordert, dass ein Buddhist kein Fleisch von Tieren
annehmen soll, von denen er weiß oder vermutet, dass sie eigens für ihn getötet wurden (17), da er sonst "den Tiermord gutheißen und den Tiermörder in seinem Handwerk bestärken" würde. (18)
Grundsätzlich hat Buddha aber seinen Jüngern erlaubt, Fleisch zu essen, welches ihnen in die Almosenschale gelegt wurde, da diese Gabe anzunehmen an sich keinen weiteren Tiermord zur Folge hat.


Wie ist das nun in Hinsicht auf den Erwerb von Fleisch in der heutigen Zeit zu interpretieren?
Hierfür ist es wichtig zu verstehen, warum und wann Buddha den Fleischverzehr verboten hat. Neben der direkten Auswirkung der Handlung ist bei der Bewertung dieser die Gesinnung, mit der
eine Handlung ausgeführt wird, von entscheidender Bedeutung. (19) Eigenes Leiden wird verursacht, wenn eine Handlung mit böser Geisteshaltung durchgeführt wird.
Leitet mensch aus dem Dargestellten konkrete Handlungsanweisungen ab, so darf ein Buddhist zum Beispiel nicht in einem Restaurant, wo Tiere lebend gehalten werden, ein Individuum extra für sich töten lassen und auch das Fleisch eines Tieres nicht annehmen, wenn es für ihn getötet wurde. Die Frage, ob mensch überhaupt Fleisch kaufen darf, lässt sich mit dieser individuellen Ethik nicht eindeutig lösen.

Die Situation in unserer Gesellschaft ist folgende: Wir haben eine gesichtslose Industrie, die eine gesichtslose Masse von Individuen tötet. Die aus ihren Körpern produzierten Waren werden an eine gesichtslose Masse von Konsumenten verkauft. Je größer die Nachfrage insgesamt wird, desto mehr wird gemordet. Die einzelne Kaufentscheidung hat hierbei keinerlei Auswirkung und kann nach buddhistischer Ethik auch nicht als schlecht und leidbringend für den Handelnden interpretiert werden (solange die dahinterstehende Geisteshaltung nicht von Hass oder Gier erfüllt ist). Dennoch kann mensch von jedem verantwortungsbewussten Menschen erwarten, dass er diesen gesellschaftlichen Prozess durchschaut und so kann ich mich der Forderung von Tierrechtlern, Tierschützern, Naturschützern, Menschenrechtlern und so weiter anschließen, dass wir lernen müssen bewusster zu konsumieren. Auf diese Weise kann jeder mithelfen, diesen Prozess zu verändern.
Außerdem erzeugt meiner Ansicht nach die bewusste Entscheidung zum Veganismus Achtsamkeit im Handeln und Mitgefühl gegenüber fühlenden Wesen.

 


Tierethik im Mahayana-Buddhismus


Wie schon erwähnt, stellen neuere Strömungen des Buddhismus, also vor allem der Mahayana, zu dem der tibetische Buddhismus gehört, ein anderes ethisches Ideal in den Vordergrund. Gewaltfreiheit
ist hier nicht mehr einfach nur notwendig um selbst Befreiung zu erlangen, sondern ist Folge eines tief empfundenen Mitgefühls und der Sorge um das Wohl anderer Lebewesen.
Neben einer neuen philosophischen und theologischen Systematisierung, der Stellung Buddhas und einer neuen Ontologie hebt sich der Mahayana-Buddhismus in zwei ethischen Punkten von anderen Richtungen ab. (20)

Im Mahayana wird neben dem Prinzip der Gewaltlosigkeit vor allem das Mitgefühl ins Zentrum der Ethik gerückt. Außerdem ändert sich das Ziel des eigenen Erleuchtungsstrebens:

Im Mahayana gilt nicht die persönliche Befreiung vom Leiden als letztendliches Ziel der Bemühungen, sondern das Bodhisattva-Ideal. Bodhisattvas sind "große Liebende", also Praktizierende, "die zum Wohl aller Wesen vollständige Erleuchtung erstreben." Ihr Ziel ist es, "alle fühlenden Wesen vom Leid und den Leidensursachen" zu befreien. (21)

Anschaulich wird diese Einstellung in einem Mantra
von Shantideva ausgedrückt:
"Solange der Raum besteht Und solange es Lebewesen gibt, Solange möchte auch ich dableiben, Um all ihr Leiden lindern zu helfen." (22)
Welche Auswirkungen diese von "großem Mitgefühl" geprägte Ethik auf das Mensch-Tier-Verhältnis zur Folge hat, kann mensch am Beispiel Seiner Heiligkeit sehr gut nachvollziehen.

 

Die individuelle Ethik Seiner Heiligkeit, des XIV. Dalai Lama

 

Auch der Dalai Lama betont immer wieder die Wichtigkeit des Mitgefühls:
"Ich glaube, dass Mitgefühl - Güte und Warmherzigkeit gegenüber anderen - der Urquell allen Glücks ist. So bin ich fest überzeugt, dass jeder, der sich darin übt, zu einer glücklicheren, friedlicheren Welt beiträgt." (23)
Seine praxisorientierte Auffassung der buddhistischen Ethik lässt sich ganz gut anhand folgender Aussage nachvollziehen: "Ich möchte sagen, dass die Essenz der Lehren Buddhas in zwei Sätzen zu finden ist: Hilf anderen, falls möglich.
Falls das nicht möglich ist, füge zumindest niemandem Schaden zu
." (24)


Die Ethik des Dalai Lama ist also geprägt von Mitgefühl und Rücksichtnahme anderen Wesen gegenüber. Dass bei der Fürsorge für Andere nicht nur Menschen, sondern alle fühlenden Wesen
gemeint sind, ergibt sich aus der theoretischen Grundlage für diese Variante buddhistischer Ethik.
Damit wir Fürsorge für andere entwickeln können, benötigen wir eine gemeinsame Basis, die wir mit anderen teilen. (25) Diese grundlegende Gemeinsamkeit, ist die "Ureigenschaft aller fühlenden Wesen" (26), dass wir nach Glück streben und Leid vermeiden wollen, was eben nicht nur auf alle Menschen zutrifft, sondern auch die Tiere beinhaltet. So wie ich mich nach Glück sehne und Leid vermeiden möchte, möchte dies auch meine Freundin, mein Nachbar, dessen Katze, ja sogar der Käfer, der von Nachbars Katze gefressen wird.
Diese Methode des "sich mit anderen gleichstellen" geht auf den indischen Gelehrten und Yogi Shantideva zurück, dessen Text Eintritt in das Leben zur Erleuchtung für viele Tibeter und auch für Seine Heiligkeit prägend war und ist. So nennt Jeffrey Hopkins, der von 1979 bis 1989
Chefdolmetscher des Dalai Lama war, eine Meditation, "bei der wir lernen, uns selbst für das Wohl anderer einzusetzen", welche auf Shantidevas Text beruht, die Lieblingsmeditation (27) des Dalai Lama.
Aus dieser Ethik-Auffassung lässt sich ableiten, dass der Dalai Lama ein tiefes Einfühlungsvermögen mit Tieren haben sollte und Tieren keinen Schaden zufügen möchte. Wenn Seine Heiligkeit dennoch (zur Verteidigung kleinerer Vögel) auf größere Vögel schießt und auch Fleisch isst, dann heißt das nicht, dass die Ethik unzureichend oder gar fehlerhaft ist, sondern nur, dass Seine Heiligkeit eben auch nur ein gewöhnlicher Mensch ist und kein Gottkönig.


Schuldig bin ich bisher noch die Beantwortung der Frage geblieben, welche Einstellung der Dalai Lama zum Mensch-Tier-Verhältnis hat. Die Antwort findet sich in derselben Quelle, die auch Goldner verwendet hat.

Hierzu ein unkommentiertes Zitat, das so wie es ist eine befriedigende Antwort geben sollte:
"Tausende, ja Millionen und Milliarden von Tieren werden umgebracht, um gegessen zu werden.

Das ist sehr traurig. Wir Menschen können leben, ohne Fleisch zu essen, besonders in unserer modernen Welt. Wir haben eine Vielzahl an Gemüsesorten und anderen, zusätzlichen
Nahrungsmitteln, wir haben also die Möglichkeit und auch die Aufgabe, Milliarden von Leben zu retten. Ich habe viele Einzelpersonen und Gruppen kennengelernt, die sich für die Rechte der Tiere einsetzen und vegetarisch leben. Das ist wunderbar.
" (28)


Des Weiteren prangert er sogar einige der schlimmsten Formen der Tierausbeutung an: "Jagen und Fischen als sportliche Betätigung sind purer Unsinn. [...] Das Bedrückendste aber ist wohl die Massentierhaltung. Dort leiden die armen Tiere wirklich." Als Konsequenz fordert er: "Wir müssen diejenigen unterstützen, die versuchen, ein so ungerechtfertigtes Vorgehen abzubauen." (29)

Seine Heiligkeit ist damit ein großer Unterstützer des Tierschutzes. Dass er sich wahrscheinlich nicht mit den Konzepten der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung auseinander gesetzt hat, kann mensch ihm, dem Vollzeit-Lehrer und Vollzeit-Diplomat wohl kaum zum Vorwurf machen.
Ich möchte meine Ausführungen an dieser Stelle mit einer Botschaft Seiner Heiligkeit an alle verantwortungsbewussten Menschen beenden:


"Wo bleibt der Wert unseres Menschseins, wenn wir, ohne Mitgefühl zu zeigen, ohne Fürsorge zu zeigen, einfach nur Tiere töten und essen und Tausende von Menschen bekämpfen und töten?

Es ist unsere Verantwortung, dieses Durcheinander in Ordnung zu bringen."(30)

 


Quellenverzeichnis
1. Goldner, Colin. Tierrechte und Esoterik – Eine Kritik aus Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen.
Susann Witt-Stahl (Hrsg.). 2007. Alibri Verlag. S. 269-271
2. Hutter, Manfred. Das ewige Rad. 2001. Verlag Styria. S. 17
3. Dalai Lama. Im Einklang mit der Welt. Bergisch-Gladbach. 1993. Verlagsgruppe Lübbe. S. 44
Übrigens: Wenn ich von Seiner Heiligkeit rede, meine ich immer Seine Heiligkeit, den XIV. Dalai Lama.
4. Dalai Lama. Das Buch der Freiheit. Bergisch-Gladbach 1990. Verlagsgruppe Lübbe. S. 263
Diese Aussage ist vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Ineffizienz des Fleischkonsums zu prüfen.
5. Hutter, Manfred. Das ewige Rad. 2001. Verlag Styria. S. 42
6. Dalai Lama. Das Buch der Freiheit. (s. 4.) S. 271.
7. Ebd. S. 272
8. Dalai Lama. Im Einklang mit der Welt. (s. 3.) S. 44
9. Die voreingenommene Haltung Goldners lässt sich auch anhand seiner Artikel nachvollziehen:
"Terror im Namen des Dalai Lama" in www.jungewelt.de, oder auch "Der Dalai Lama und sein ganz eigenes Verständnis vom Vegetarismus"
10. Pauschal-Urteile helfen nicht weiter. Tierbefreiung. Heft 56. 2007. ISSN 1438-0676
11. "Was ist aber, Brüder, der zur Leidensauflösung führende Pfad?
Dieser heilige achtfältige Weg ist es, der zur Leidensauflösung führende Pfad,
nämlich: rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln,
rechtes Mühen, rechte Einsicht, rechte Einigung." (K.E. Neumann. 9. Rede aus der Mittleren Sammlung.
"Die rechte Erkenntnis". 1896-1902) Die drei Glieder zur Sittlichkeit (3-5) fordern Gewaltlosigkeit in der
Wortwahl, im Handeln und in der Lebensführung.
12. Hutter, Manfred. Das ewige Rad. 2001. Verlag Styria. S. 116
13. Ebd. S. 76
14. www.palikanon.de [06/2008]
15. Buddha. Die großen Reden. Ausgewählt von Isabelle Fuchs. 2008. Anaconda Verlag. S. 116
Heute würde Buddha vielleicht das Autofahren untersagen, da hierbei unnötig viele Kleintiere rücksichtslos
vernichtet werden.
16. www.palikanon.de [06/2008]
17. Ebd.: "Drei Fälle gibt es Jivako, wo ich sage, Fleisch ist nicht zu nehmen:
besehn, gehört, vermutet."
18.www.palikanon.de [06/2008]
19. Vgl. hierzu www.palikanon.de [06/2008]
20. Hutter, Manfred. Das ewige Rad. 2001. Verlag Styria. S. 55.
21. Hopkins, Jeffrey. Mitgefühl und Liebe. 2002. Wilhelm Goldmann Verlag. S. 181
22. Dalai Lama. Der Weg zum Glück. 2002. Herder Verlag. S. 65
Das Vorzeigebeispiel buddhistischer Tierethik, die Edikte König Ashokas, kann nicht berücksichtigt
werden, da diese nicht eindeutig als buddhistisch motiviert zu bewerten sind.
23. Dalai Lama im Vorwort zu Mitgefühl und Liebe. (s. 21) S. 10
24. Dalai Lama. Der Weg zum Glück. 2002. Herder Verlag. S. 58
Ivo Windrich. Tierethik im Buddhismus.
7
25. Ebd. S. 60
26. Hopkins, Jeffrey. Mitgefühl und Liebe. 2002. Wilhelm Goldmann Verlag. S. 43
27. Ebd. S. 131f . Die Meditation in Kurzfassung:
Stellen Sie sich eine Gerichtsszene vor. Ihr weises Selbst sitzt in der Mitte. Rechts von ihm befindet sich Ihr
egoistisches Ich. Auf der linken Seite sitzt eine Gruppe elender Wesen. Das egoistische Ich einerseits und
die elenden Wesen andererseits sehnen sich gleichermaßen nach Glück und wollen frei sein von Leid. Wem
werden Sie helfen? Dem selbstsüchtigen Ich oder den armen Wesen? Es gibt nur ein Ich gegenüber
zahllosen elenden Wesen. Wie könnte das Wohlergehen dieser unendlich viel größeren Gruppe nicht
wichtiger sein?
28. Dalai Lama. Im Einklang mit der Welt. Bergisch-Gladbach. 1993. Verlagsgruppe Lübbe. auf Seite 43.
Wenn der Dalai Lama hier von Rechten der Tiere redet, heißt das nicht, dass er Tierrechtler ist, sondern
vermutlich eher, dass Buddhisten der Auffassung sind, alle fühlenden Wesen streben gleichermaßen nach
Glück und möchten Leiden vermeiden und haben gleichermaßen auch ein Recht darauf Glück zu erreichen
und Leid zu vermeiden.
29. Ebd. S. 43f
30. Dalai Lama. Der Weg zum Glück. 2002. Herder Verlag. S. 68

 

 
       
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