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Buchrezension: Gabriel Kuhn (Hg.), „Neuer Anarchismus“ in den USA – Seattle und die Folgen
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| Eingestellt am: 04.11.2009 Ivo Windrich. |
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Es lässt sich nicht bestreiten, dass in Teilen der Tierrechtsbewegung anarchistische Ideen verbreitet sind. Aber nicht nur aus diesem Grund dürfte das Buch „Neuer Anarchismus“ in den USA von Gabriel Kuhn (Hg.) für TierrechtlerInnen von Interesse sein, sondern auch aufgrund zweier Artikel, die sich mit den relevanten Themen Freeganismus und Tierrechts- bzw. Öko-“Terrorismus“ befassen. „Neuer Anarchismus“ in den USA umfasst 15 Kapitel zu verschiedenen Aspekten der (US-amerikanischen) anarchistischen Bewegung plus einer sehr informativen Einleitung zur Geschichte des Anarchismus in den USA. Die Kapitel bestehen jeweils aus einem oder zwei Artikel(n) zum betrachteten Thema und werden von Kuhn individuell eingeleitet. So finden wir unter anderem eine Selbstdarstellung des sogenannten „Schwarzen Blocks“, eine zwei Kapitel umfassende Diskussion zu „Post-linker Anarchie“ und eine etwas unkonventionelle Bewertung der Geschehnisse vom 11.09.2001.
Viele der Artikel haben das Potential, die eigenen politischen Positionen kritisch zu reflektieren. So behandelt das Kapitel zum „Primitivismus“ den Geist-Natur-Dualismus und stellt in Frage, ob es überhaupt eine Versöhnung von Zivilisation und Natur geben kann. Laut John Zerzan gibt es diese nicht, da die Domestizierung, also die „Kontrolle des sozialen Lebens“ sowie die Kolonialisierung „alles natürliche[n] Leben[s] bis in seine tiefsten Dimensionen“, das Wesen der Zivilisation bestimmt, so dass Zivilisation immer mit Kontrolle, Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung einhergeht. Damit ist für diese anti-zivilisatorische Strömung des Anarchismus „die Zivilisation als Ganze das Problem“. „Die Zivilisation brachte Krieg, Unterdrückung der Frauen, Bevölkerungswachstum, Sklavenarbeit, Armut, Hierarchie und praktisch jede uns heute bekannte Krankheit […] Sie ist unser Feind.“(169) Meiner Ansicht nach bietet der Primitivismus nur eine Scheinlösung und doch bringt seine Argumentation mich zum Grübeln, ob eine zivilisatorische Gesellschaft ohne Naturbeherrschung (und damit Herrschaft über die nicht vergesellschafteten Tiere) überhaupt möglich ist.
Doch kommen wir zu den beiden Artikeln, die sich mit tierrechtsverwandten Themen befassen. Der Artikel „Was sind Freegans?“ beschreibt im Wesentlichen verschiedene Methoden um freegan zu leben und definiert selbstverständlich, was „freegan“ überhaupt ist. „Das Wort „freegan“ setzt sich aus „free“ und „vegan“ zusammen. […] Freegans gehen einen Schritt weiter [als VeganerInnen], indem sie betonen, dass in einer komplexen, industriellen Ökonomie von profitbestimmter Massenproduktion der Missbrauch von Menschen, Tieren und der Erde auf allen ökonomischen Ebenen […] unvermeidlich und allgegenwärtig ist.“(144) Folglich ist Freeganism „der generelle Boykott eines ökonomischen Systems, in dem das Motiv des Profits alle ethischen Überlegungen in den Hintergrund rückt und in dem gigantische Produktionskomplexe sicherstellen, dass alle Produkte, die wir kaufen, schädliche Auswirkungen haben, von denen uns viele noch nicht einmal bewusst sind.“ Dieser Boykott besteht in praxi aus „dumpster diving“ (containern, Verwertung von brauchbaren Abfall), Häuser besetzen oder Verweigerung von Lohnarbeit. Der Freeganismus wird hier im Rahmen des „Lifestyle Anarchism“ präsentiert und in diesem Kontext auch in der Kapitel-Einleitung kritisiert. Denn dem Lifestyle Anarchismus und mit ihm dem Freeganismus (und auch Veganismus) wird gelegentlich vorgeworfen, dass es sich nicht um politischen Aktivismus handelt und ihm damit die soziale Komponente fehlt. Aber es werden auch die Vorteile eines solchen Lebensstils betont, die in freigewordenen Resourcen liegen, in der Selbstbestimmung über das eigene Leben und darin, „dem dauernden Druck [zu] entrinnen, irgendwie über die Runden zu kommen.“(149)
Das Kapitel „Anarchismus, Tierschutz, Naturschutz und Terrorismusanklagen“ beinhaltet einen Diskurs zum Zusammenhang der Zerstörung von Eigentum durch die Animal Liberation Front (ALF) und die Earth Liberation Front (ELF) und dem Gebrauch des Begriffs „Terrorismus“. Es wird untersucht, wie „Terrorismus“ definiert wird, wie sinnvoll der Begriff „Ökoterrorismus“ ist und wie die US-Regierung die Terrorismus-Debatte dazu benutzt, das Volk zu manipulieren. So erklärt Elaine Close, Sprecherin der ELF: „Unsere von Konzernen regulierte Regierung und die ebenso konzernregulierten Medien brandmarken alle Aktionen, die ihrer Politik widersprechen, als „terroristische Akte“. Sie entscheiden selbst, wer die „TerroristInnen“ sind.“(260) Während die VertreterInnen des Tier- und Naturbefreiungsaktivismus darauf hinweisen, dass ja gerade die Konzerne, die die Tiere und die Natur ausbeuten und ermorden die wahren „Ökoterroristen“ sind, versuchen die Befürworter der tier- und naturfeindlichen Ökonomie, „die Naturschutzbewegung an den Terrorismus zu koppeln“. Besonders die Paradoxie bei der Verwendung des Begriffs „Terrorismus“ wird von Randall Amster, dem Autor dieses Aufsatzes, klar herausgearbeitet. So sind es „Individuen, die angeblich in „ecotage“ („ecological sabotage“) verwickelt sind, [die] im Allgemeinen vom Rechtssystem schlechter behandelt werden als Mörder oder Vergewaltiger.“ Denn bei der ALF und ELF ist es „gerade die politische und ethische Motivation […], die ein Allerweltsvergehen wie Vandalismus zu einem angeblichen „Akt von Ökoterrorismus“ macht. Gemäß welcher Logik ist ein Gewissensakt schlimmer als ein Akt, der jedes Gewissen vermissen lässt?“ Und wenn schon Handlungen, „die sich auf ein ethisches Prinzip berufen, als „Terrorismus“ [bezeichnet werden], sollte es dann nicht wenigstens eine Diskussion über dieses ethische Prinzip geben“?(269) Warum es zu dieser paradoxen Situation kommt, wird nur darin angedeutet, dass die Aktionen der Tier- und Naturbefreiungsbewegung eine echte Gefahr für die Interessen der Herrschenden darstellen. Diese Erklärung geht aber meiner Ansicht nach nicht genügend in die Tiefe. So wird kaum auf die Hintergründe und Methoden der Tierausbeutung eingegangen und entsprechend auch nicht erklärt in wie weit die Tierbefreiungsbewegung tatsächlich die Tierausbeutungsindustrie in ihrer Existenz bedroht. Hierfür kann ich aber die interessierte Leserin, den interessierten Leser auf den Artikel „Totalitäre Ökonomie, neue Sicherheitsarchitektur und Green Scare“ von Melanie Bujok, erschienen in der Tierbefreiung Heft 63 (Juni 2009), verweisen.
Fazit: Da die einzelnen Artikel von unterschiedlichen AutorInnen verfasst sind, variiert auch ihr Niveau. Die jeweiligen Einleitungen von Gabriel Kuhn sind dagegen alle gleichermaßen informativ und erzeugen aus den betrachteten Einzelaspekten der (US-amerikanischen) anarchistischen Bewegung ein strukturiertes Gesamtbild. Ich empfand alle Artikel als motivierend und einige auch als konstruktiv, so dass ich mich sicher mit der ein oder anderen Theorie weiter befassen werde. Für TierrechtlerInnen, die kein Interesse am Anarchismus haben, hat das Buch vermutlich nicht genügend Information zu bieten. Sehr empfehlenswert finde ich „Neuer Anarchismus“ in den USA dagegen für Menschen, die sich einen Überblick über anarchistische Theorieansätze verschaffen möchten.
Ivo Windrich
Gabriel Kuhn (Hg.), „Neuer Anarchismus“ in den USA – Seattle und die Folgen. 2008 bei UNRAST, Münster. 301 Seiten. 16,80€. |
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